Zwei mangelhafte Ziegelsteine

Wir waren arme Mönche, aber wir brauchten ein Dach über dem Kopf. Bauarbeiter konnten wir uns nicht leisten, also musste ich das Bauhandwerk von Grund auf erlernen.
Dem Außenstehenden mag Maurerarbeit leicht erscheinen: Man pappt etwas Mörtel auf den Stein, setzt ihn an seine Stelle und klopft ihn ein bisschen fest. Wenn ich aber leicht auf eine Ecke schlug, stieg eine andere Ecke nach oben. Es war zum Verzweifeln! Als Mönch verfügte ich jedoch über viel Zeit und Geduld. Ich gab mir also große Mühe jeden Stein perfekt einzupassen.

Und irgendwann war die erste Steinmauer meines Lebens fertig gestellt. Voller Stolz trat ich einen Schritt zurück, um mein Werk zu begutachten. Erst da fiel mir auf, dass zwei Ziegelsteine das Regelmaß störten. Alle anderen Steine waren ordentlich zusammengesetzt worden, aber diese zwei saßen ganz schief in der Mauer. Ein grauenvoller Anblick! Als ich die ersten Besucher durch unser neues Kloster führte, vermied ich es stets, mit ihnen an dieser Mauer vorbeizugehen. Ich hasste den Gedanken, dass jemand dieses Stümperwerk sehen könnte.

Etwa drei oder vier Monate später wanderte ich mit einem Gast über unser Terrain. Plötzlich fiel sein Blick auf meine Mauer. „Das ist aber eine schöne Mauer“, bemerkte er wie nebenbei. „Sir“, erwiderte ich überrascht, „haben Sie etwa Ihre Brille im Auto vergessen? Fallen Ihnen die zwei schief eingesetzten Steine nicht auf, die die ganze Mauer verunstalten?“

Seine nächsten Worte veränderten meine Einstellung zur Mauer, zu mir selbst und zu vielen Aspekten des Lebens. „Ja“, sagte er. „Ich sehe die beiden mangelhaft ausgerichteten Steine. Aber ich sehe auch 998 gut eingesetzte Steine.“

Ich war überwältigt. Zum ersten Mal nach drei Monaten sah ich neben den zwei mangelhaften Steinen auch andere Ziegelsteine. Oberhalb und unterhalb der schiefen Steine, zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten befanden sich perfekte Steine ganz gerade eingesetzt. Ihre Zahl überwog die der schlechten Steine bei weitem!

Bis dahin hatte ich mich ausschließlich auf meine beiden Fehler konzentriert und war allem anderen gegenüber blind gewesen. Deshalb konnte ich den Anblick der Mauer nicht ertragen. Doch als ich jetzt die ordentlichen Steine betrachtete, schien die Mauer überhaupt nicht mehr grauenvoll auszusehen. Der Besucher hatte schon recht: Es war wirklich eine sehr schöne Mauer!

Viele Menschen beenden eine Beziehung oder reichen die Scheidung ein, weil sie bei ihrem Partner nichts anderes mehr sehen, als „zwei mangelhafte Steine“. Viele leiden an Depressionen oder hegen sogar Selbstmordgedanken, weil sie nichts anderes als „zwei mangelhafte Steine“ in sich erkennen können. In Wahrheit gibt es jede Menge guter Steine, perfekter Steine – aber manchmal können wir sie einfach nicht sehen. Wir schauen nur auf den Makel und überlegen, wie wir ihn entfernen können und leider vernichten wir auf diese Weise so manche schöne Mauer.

~Ajahn Brahm: „Die Kuh, die weinte“